Lebenszeit oder Später, später
Die Lebenserwartung in den westlichen Industrieländern steigt stetig an. Was vor 30-40 Jahren Visionen waren, ist heute Realität. Wir dürfen davon ausgehen, dass wir künftig älter werden. Gesünder älter werden!

Das folgende Kapitel stammt aus meinem Buch "Der Auszeiter - Vom Management ins Leben –
und zurück".
Und dennoch herrscht nach wie vor in Deutschland das Phänomen vor, dass neun von zehn Menschen mit Vollendung ihres 55ten Lebensjahres aufhören wollen zu arbeiten. Freie Willensentscheidung oder nur Ausdruck der Abhängigkeit von einem längst überholten Zeitgeist, der diese Entwicklungen der letzten Jahrzehnte fahrlässig ignoriert? Im Vergleich zum Jahr 1970 ist die durchschnittliche Lebenserwartung eines neugeborenen Jungen in Deutschland um vier Jahre gestiegen. Die Gesundheitsversorgung wurde zudem in den letzten Jahrzehnten auch deutlich professionalisiert. Und dennoch streben sehr viele Menschen ein Arbeitsende mit 55 Jahren an!
Ich frage mich dann immer, was erwarten diese Menschen mit 55 Jahren von ihrem Leben. Plötzlich! Was wollen sie dann mit ihrer Zeit anfangen? Urlaub machen? Ja, aber für wie lange? Der Mensch braucht eine Aufgabe, auch mit 55!
Die meisten Menschen haben es doch verlernt, mit Zeit umzugehen. Wie auch! Sie hatten ja nie welche! Diese Menschen leben meist im später, später. „Sie erinnern sich?“ Morgen, Übermorgen! Das sind die Menschen, die einen Auszeiter nicht verstehen, die ihn auch nie verstehen werden. Niemals!
Das Leben eines Auszeiters passt einfach nicht in einen standardisierten Lebensplan! Wieso nehmen sich Menschen zwischendrin eine Auszeit? Was denkt sich ein Mensch wie Carsten Alex dabei, mit 35 Jahren eine Auszeit von zwei Jahren zu nehmen? Und noch viel besser: Wieso dann sechs Jahre später noch einmal? Was soll das?
Ich versuche auf diese Fragen dann immer am Beispiel des deutschen Kapitalmarktes einzugehen. Geld! Das versteht in Deutschland jeder!
So wie es die unterschiedlichsten Anlageformen gibt, so gibt es auch die unterschiedlichsten Lebensmodelle. Die Wahl der Anlageform geschieht meist auf Grundlage einer ausgeklügelten Anlagestrategie. So verhält es sich auch mit dem Leben. Sollte!
Manche Menschen präferieren eine möglichst hohe Verzinsung und wählen deshalb eine verhältnismäßig späte Auszahlung ihres angesparten Kapitals. Anderen Menschen genügt eine eher durchschnittliche Verzinsung, dafür präferieren sie alle fünf bis sieben Jahre eine Auszahlung des angesparten Kapitals. So wie ich!
Übrigens: Verzinsung könnte bei diesem Beispiel auch als Synonym für Karriere dienen! Demnach darf ein Mensch wie ich alle fünf bis sieben Jahre mit einer Auszahlung seines Kapitals rechnen. Oder, um im Gesamtkontext zu bleiben, mit einer Auszeit!
Um auf das Beispiel aus „Ambivalenz oder Risiken und Nebenwirkungen“ zurück zu kommen: Es gibt Menschen, die heute mehr als 60 Stunden in der Woche arbeiten – quasi Leben ansparen! –, um dann mit 55 Jahren mit der Arbeit aufzuhören. Im übertragenen Sinne fordern diese Menschen dann das gesamte eingesetzte Kapital am Ende ihres Arbeitslebens zurück. Und das funktioniert meist nicht!
Auch wenn ich das Beispiel aus dem Kapitalmarkt heranziehe, vergleichbar ist es natürlich nicht. Im Gegensatz zum Kapital kann man Leben eben nicht ansparen! Vielleicht ein Jahr, maximal zwei. Aber den „Auszahlungszeitpunkt“ um Jahrzehnte aufschieben?
Leider ist es in unserer Gesellschaft immer noch so, dass sich niemand dafür rechtfertigen oder erklären muss, wenn er mit 55 Jahren sein Arbeitsleben beendet. Anders aber, wenn sich Menschen mittendrin eine Pause gönnen! Dann heißt es allerorten: „Wieso, weshalb, warum?“
Ich habe nicht vor, mit 55 Jahren aufzuhören. Mitnichten! Mir sagte mal ein Freund Folgendes und das habe ich mir seit damals auch zu Eigen gemacht: „Der beste Augenblick ist immer Jetzt!“ Träume leben! Auszeit! Jetzt!
Warum eigentlich nicht?!

