Talente fördern und entwickeln

Talente finden und entwickeln

- warum Unternehmen wieder lernen müssen, in Menschen zu investieren

Wenn heute über Fachkräftemangel gesprochen wird, dann geht es meistens um fehlende Bewerbungen, demografische Entwicklungen oder den zunehmenden Wettbewerb um qualifizierte Mitarbeitende. Das alles spielt selbstverständlich eine Rolle. Gleichzeitig habe ich oft den Eindruck, dass eine andere Frage viel zu selten gestellt wird: Was tun Unternehmen eigentlich konkret dafür, dass sich Menschen entwickeln können?


Denn Talente entstehen nicht erst dann, wenn jemand fertig ausgebildet, hochqualifiziert und sofort einsetzbar ist. Entwicklung ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Und genau dieser Prozess braucht Aufmerksamkeit, Zeit und Menschen, die Potenziale überhaupt wahrnehmen können.

In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, dass viele Fähigkeiten in Organisationen vorhanden sind, aber kaum sichtbar werden. Nicht, weil die Menschen nichts können, sondern weil der operative Alltag inzwischen so dicht geworden ist, dass häufig nur noch funktioniert werden muss.


Wer zuverlässig arbeitet, bekommt zusätzliche Aufgaben. Wer belastbar ist, übernimmt noch mehr Verantwortung. Und irgendwann bleibt kaum noch Raum, um sich die entscheidende Frage zu stellen: Was steckt eigentlich noch in diesem Menschen?

Wenn wir über Talent Management sprechen, denken viele zunächst an junge Nachwuchskräfte oder sogenannte High Potentials. Meine Erfahrung ist deutlich breiter. Talent hat für mich nur bedingt etwas mit Alter zu tun. Ich habe Menschen erlebt, die mit Mitte zwanzig außergewöhnliches Potenzial mitgebracht haben, und andere, die mit Anfang fünfzig noch einmal eine völlig neue Entwicklung genommen haben.


Entscheidend ist vielmehr die Haltung eines Menschen. Die Bereitschaft, neugierig zu bleiben, Verantwortung zu übernehmen und sich weiterzuentwickeln. Und manchmal braucht es einfach jemanden, der genau das erkennt und anspricht.


Dabei unterscheide ich gerne zwischen Talent und Potenzial. Talent beschreibt eher das, was heute bereits sichtbar ist. Eine besondere Fähigkeit im Umgang mit Menschen, kommunikative Stärke oder die Art, Verantwortung zu übernehmen. Potenzial dagegen beschreibt das, was sich noch entwickeln kann. Also das, was vielleicht noch verborgen ist, aber unter den richtigen Bedingungen entstehen könnte. Und genau dafür braucht es ein Umfeld, das Entwicklung zulässt.


Viele Menschen arbeiten heute in Strukturen, in denen sie zwar funktionieren, ihre eigentlichen Stärken aber kaum entfalten können. Nicht jeder Mensch passt automatisch in jedes System. Ich habe häufig erlebt, dass Mitarbeitende in einem Umfeld permanent an Grenzen gestoßen sind und in einem anderen plötzlich aufgeblüht sind. Deshalb ist Talententwicklung aus meiner Sicht nie nur ein standardisiertes Verfahren oder ein Prozess auf dem Papier. Es geht immer auch um Menschenkenntnis, Wahrnehmung und die Fähigkeit, genauer hinzuschauen. Und auch die künstliche Intelligenz (KI) ist hier kein passendes Werkzeug, um menschliche Einschätzungen und Entscheidungen zu ersetzen.



„Beim Talent geht nicht um Intelligenz oder um Wissen im Allgemeinen. Es geht um Persönlichkeit.“



Ein Projekt, das mich in diesem Zusammenhang besonders begeistert hat, war die Entwicklung eines sogenannten "Talent-Stipendiums" gemeinsam mit einem Geschäftsführer. Die Grundidee war relativ einfach: Nicht die Hierarchie entscheidet allein darüber, wer als Talent gilt, sondern die Mitarbeitenden selbst können aktiv sagen: „Ich glaube, da steckt noch mehr in mir.“ Allein dieser Schritt erfordert bereits Mut. Denn wer sich sichtbar macht, geht auch ein Risiko ein.


Im ersten Jahrgang hatten wir neun Teilnehmende. Heute sind sieben davon in Führungspositionen tätig. Spannend war dabei allerdings nicht nur das Ergebnis, sondern vor allem die Entwicklung während des Programms. Die Menschen haben begonnen, sich auszuprobieren, miteinander zu reflektieren, neue Perspektiven kennenzulernen und sich gegenseitig zu unterstützen. Genau daraus entsteht häufig Entwicklung: nicht aus Druck, sondern aus Erfahrung und Vertrauen.


Dabei denke ich oft an ein Bild aus dem Fußball. Es gibt unglaublich viele talentierte Spieler, die irgendwann bei großen Vereinen landen, dort aber kaum Spielpraxis bekommen. Und einige Jahre später wundert man sich, warum aus diesem Talent nicht mehr geworden ist. Talent allein reicht eben nicht aus. Menschen brauchen Möglichkeiten, Erfahrungen und echte Spielräume.


Das gilt in Unternehmen genauso. Entwicklung entsteht nicht nur durch Seminare oder Konzepte. Menschen müssen ausprobieren dürfen. Sie müssen Fehler machen dürfen. Und sie brauchen Führungskräfte, die bereit sind, ihnen Verantwortung zuzutrauen, bevor alles perfekt ist.



„Es braucht immer auch Menschen, die dir den Raum geben, dich auszuprobieren.“



Gleichzeitig scheitert Talentförderung in der Praxis oft gar nicht an fehlenden Konzepten. Viele Unternehmen haben sehr gute Programme entwickelt. Das eigentliche Problem liegt häufig im Alltag. Denn natürlich entsteht Widerstand, wenn die leistungsstärksten Mitarbeitenden plötzlich Zeit für Entwicklung benötigen und im Tagesgeschäft fehlen.


Genau deshalb braucht Talententwicklung bewusste Entscheidungen und auch eine gewisse Weitsicht. Wer nur kurzfristig denkt, wird immer Schwierigkeiten haben, Entwicklung zuzulassen. Langfristig erfolgreiche Unternehmen investieren jedoch nicht erst dann in Menschen, wenn Fachkräfte fehlen, sondern deutlich früher.


Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Führungsaufgaben der kommenden Jahre: Menschen nicht nur nach ihrer aktuellen Leistung zu beurteilen, sondern nach dem, was in ihnen entstehen kann. Denn manchmal beginnt Entwicklung mit einem einzigen Gefühl: Dass jemand dich sieht und dein Talent erkennt.

Der Impuls zum Zuhören

Die Gedankenimpulse dieses Blogartikels entstammen dem Gespräch von Carsten Alex mit Audiograf Ingo Stoll. Die komplette Episode ist jetzt als Podcast verfügbar!

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